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Montag, 20 Juli 2015 10:52

Rechtschreibung im Internet - welche Argumente die User dafür haben.... Empfehlung

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Rechtschreibung im Internet

Sie erinnern sich: Vor einigen Tagen habe ich mich in einem Beitrag mit dem „Ableger“ der deutschen Rechtschreibung im Internet beschäftigt – ich habe ihm den Namen „digitale Rechtschreibung“ gegeben.

Dass viele meiner Mitmenschen genauso wenig wie ich erkennen können, welcher Sinn dahinter stehen mag, eine sehr aussagekräftige, klare und genaue Sprache wie Deutsch so zu verstümmeln, dass der Inhalt der Worte teils nur mit Mühe – wenn überhaupt – feststellbar ist, haben mir die Antworten gezeigt, die ich nach diesem Artikel erhalten habe.

Nur..... diese andere Gruppe, die mit Begeisterung jenseits aller Rechtschreibregeln und frei von jeglicher Interpunktion Nachrichten schreibt und Kommentare postet, sie ist vorhanden.

Es gehört zu meiner Natur, mich mit Phänomenen aller Art auseinanderzusetzen, egal, wie sinnig oder unsinnig sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, damit ich für mich klar sehe, welchen Standpunkt ich dazu einnehmen möchte. Es könnte ja sein, dass sich mir  neue Erkenntnisse offenbaren, die mich zu einem Meinungswechsel veranlassen. Deswegen habe ich direkt bei den Verfechtern der digitalen Rechtschreibung nachgefragt, was sie motiviert, im Netz freiwillig den Eindruck zu hinterlassen, der deutschen Rechtschreibung nicht kundig zu sein.

Wie denken andere Menschen über die „digitale Rechtschreibung“?

Zusammen mit einer Kollegin habe ich 300 Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 18 Jahren und 300 Erwachsene zwischen 30 und 50 Jahren befragt, welchen Wert sie bei der Kommunikation im Netz auf Zeichensetzung, Grammatik und richtige Schreibweise legen.

Das Ergebnis:

Von den befragten Schülerinnen und Schülern fanden 56 % Rechtschreibfehler + Co. im Internet „nicht schlimm“, 22 % meinten, dies sei „unterirdisch“ und 22 % hatten keine Meinung. Von den befragten Erwachsenen schlossen sich 27 % der Meinung an, Rechtschreibfehler im Netz seien „nicht schlimm“, 62 % fanden es „unterirdisch“ und 11 % hatten keine Meinung.

Gründe für mangelhafte Rechtschreibung im Internet

Prozentaussagen sind gut und schön – mich interessierten jedoch vor allem die Beweggründe, die zu der „digitalen Rechtschreibung“ führen.

Nicht alle genannten Erklärungen habe ich bei der Auswertung der Antworten berücksichtigt. Im Folgenden sind die Begründungen in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit aufgelistet, d. h., Platz 1 der „Hitliste“ wurde am häufigsten genannt.

  1. „Das Internet ist ein schnelles Medium – da ist Schnelligkeit wichtiger als Rechtschreibung und Zeichensetzung!“

  2. „In der Schule/im Beruf schreibe ich so, wie es sich gehört – im Internet mach ich es mir einfach.“

  3. „Ob Groß- oder Kleinschreibung – Hauptsache lesbar!“

  4. „Groß- und Kleinschreibung ist unlogisch und ändert nichts am Inhalt des Textes.“

  5. „In der englischen Sprache wird auch alles klein geschrieben...“

  6. „Ohne Zeichensetzung sieht es chicer aus.“

Ob mich eine der aufgeführten Begründungen überzeugen konnte, schauen Sie mal.................

1. „Das Internet ist ein schnelles Medium – da ist Schnelligkeit wichtiger als Rechtschreibung und Zeichensetzung!“

Unbestritten, das Internet IST ein schnelles Medium.

Unter schnell verstehe ich jedoch in diesem Zusammenhang in erster Linie, dass ich in kurzer Zeit Informationen zu einem Thema zusammentragen kann. Früher wäre ich tagelang von Bibliothek zu Bibliothek gerannt, um mir mühsam die gewünschten Infos aus diversen Büchern herauszuklauben.

Wer hingegen die Schnelligkeit des Mediums Internet so interpretiert, dass er glaubt, er habe nicht die Zeit, beim Schreiben auf die allseits bekannten Regeln in der deutschen Sprache bei Rechtschreibung und Zeichensetzung zu achten, tut sich aus meiner Sicht keinen Gefallen. Welchen Sinn sollte dieses schnelle Medium dann noch haben, wenn Texte durch die Schnelligkeit teilweise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und vom Gros der Leser gar nicht mehr verstanden werden?

 

Mein persönliches Fazit

Ich möchte, dass andere Menschen meine Texte aus rein sprachlichen Gründen verstehen können und Spaß beim Lesen haben. Das allein ist Grund genug für mich, meine Texte auch künftig so zu schreiben, dass der Spaß nicht auf der Strecke bleibt - irgendwo zwischen mangelhafter Rechtschreibung, Vertippslern und fehlender Kommata.

2. „In der Schule/im Beruf schreibe ich, wie es sich gehört – im Internet mach ich es mir einfach.“

Es mag ja sein, dass es den einen oder anderen sprachlichen Experten unter uns geben mag, der tatsächlich die deutsche Rechtschreibung abrufen kann, so, wie es benötigt wird.

Allerdings erschließt sich mir der Sinn dieser Vorgehensweise nicht vor dem Hintergrund, dass unser Gehirn nun mal so aufgebaut ist, dass es sich alles, was falsch und verboten ist, ganz schnell merkt. Soll es sich hingegen eine neue Denk- oder Verhaltensweise aneignen und das bisher Gelernte vergessen bzw. verlernen, tun sich unsere Hirnwindungen in der Regel sehr schwer. Die Gefahr, in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückzufallen, ist lange Zeit sehr groß. Oder anders herum: Wer weiß nicht aus eigener Erfahrung, wie mühsam es ist, sich eine Angewohnheit wieder abzugewöhnen, wenn selbige sich erst einmal eingenistet hat?

Und ganz nebenbei bemerkt: Finden Sie es nicht auch mühsam, vor dem Schreiben erst nachdenken zu müssen, welche Schreibfehler Sie sich – in diesem Fall – erlauben dürfen und welche – in diesem Fall – besser nicht?

 

Mein persönliches Fazit:

Wer die deutsche Sprache je nach Gelegenheit unterschiedlich schreibt, teilweise regelrecht "verhunzt", muss damit rechnen, dass diese „Verhunzung“ sich manifestiert und auch „im Ernstfall“ nicht mehr abgelegt werden kann.

Egal, ob beim Bewerbungsschreiben, bei der Produktpräsentation, in einem Kommentar in einem Internet-Forum oder beim Einkaufszettel: Grundsätzlich auf sprachliche Richtigkeit zu achten macht das Leben einfacher!

3. „Ob Groß- oder Kleinschreibung – Hauptsache lesbar!“

Dass ein Text erst einmal lesbar sein muss, bevor er verstanden werden kann, ist eine Frage der Logik.

Es ist jedoch eine bekannte Tatsache, dass der User im Internet nicht „normal“ liest, sondern ein „sprunghaftes“ Leseverhalten hat. Statt den Artikel von Anfang bis zum Ende durchzugehen, hüpft er im Text von Stichwort zu Stichwort, liest ausgewählte Textpassagen und entscheidet blitzschnell, ob er „dranbleibt“.

Umso größer ist in meiner Logik die Bedeutung, die der Groß- und Kleinschreibung zukommt.

Unser Auge ist darauf geeicht, die einzelnen Wörter mit einem Blick zu erkennen, wenn sie so geschrieben sind, wie wir es gelernt haben.

Werden diese Wörter klein geschrieben, entsprechen sie nicht mehr dem gewohnten Erkennungsbild, und wir müssten genauer hinsehen, um sie zu erkennen.

Umgekehrt gilt: Bei korrekter Groß- und Kleinschreibung kann der User auch bei dem im Internet üblichen „sprunghaften“ Leseverhalten den Text rasch erfassen.

 

Mein persönliches Fazit:

Mal abgesehen von der Frage, ob es im Internet ein anderes Leseverhalten gibt, finden meine Augen es in der Tat anstrengender, wenn ich am Bildschirm lese. Umso größeren Wert lege ich beim Schreiben darauf, die zur Ermüdung beitragende Faktoren – wie fehlende Groß- und Kleinschreibung – so weit wie möglich auszuschalten.

4. „Groß- und Kleinschreibung ist unlogisch und ändert nichts am Inhalt des Textes.“

Zugegeben: Die Groß- und Kleinschreibung erschließt sich nicht immer.

Entgegen der Annahme mancher Internet-Schreiberlinge sind die Regeln für die Groß- und Kleinschreibung jedoch für das richtige Verständnis sehr wichtig. Welche Auswirkung sie auf den Sinn eines Satzes haben können, zeigen die nachstehenden Beispiele:

1. Bedeutung                                                  -       2. Bedeutung

der gefangene Floh                                          -        der Gefangene floh.

Er verweigerte Speise und Trank.                   -        Er verweigerte Speise und trank.

Vor dem Haus sah sie den geliebten Rasen. -         Vor dem Haus sah sie den Geliebten rasen.

Er hat in Berlin liebe Genossen.                     -         Er hat in Berlin Liebe genossen.

Auch wenn diese Beispiele so nur selten im täglichen Sprachgebrauch vorkommen, zeigen sie auf sehr anschauliche Weise, welchen Unterschied es machen kann, wenn ein Buchstabe groß bzw. klein geschrieben wird.

 

Mein persönliches Fazit:

Dass die Groß- und Kleinschreibung manches Mal unlogisch ist, keine Frage! Ob ein Buchstabe groß oder klein geschrieben wird, ist jedoch häufig mehr als nur eine Frage der Optik. Die richtige Anwendung der Regeln für die Groß- und Kleinschreibung schließt schlicht und ergreifend Missverständnisse aus.

5. „In der englischen Sprache wird auch alles klein geschrieben.....“

Stimmt. Nur lassen sich die Regeln der englischen Sprache nicht 1:1 übertragen auf die deutsche Sprache. Letztere ist weder für durchgängige Großschreibung noch für durchgängige Kleinschreibung geeignet.

Ein gutes Beispiel ist der Slogan, mit dem 1990 eine unserer politischen Parteien zur ersten gemeinsamen Bundestagswahl im wiedervereinten Deutschland antrat: DER NEUE WEG – der neue weg.

Die Partei hatte damals beide Schreibweisen ausprobiert und sich im Ergebnis für die durchgängige Großschreibung entschieden.

Ich persönlich finde, dass bei diesem Wahlplakat die durchgängige Großschreibung nur das kleinere von zwei Übeln ist. Eindeutig wird die Aussage in meinem Sprachempfinden erst mit der traditionellen Groß- UND Kleinschreibung: Der neue Weg.

 

Mein persönliches Fazit:

Nur weil meine Freundin Klara Kleidergröße XS tragen kann, muss mir diese Größe nicht auch zwangsläufig passen. Und genauso ist es mit den Regeln für Deutsch und Englisch.

6. „Ohne Zeichensetzung sieht es chicer aus.“

Hmm, ob dem so ist, das sei dahingestellt.

Für mich ist diese Frage aber auch nicht entscheidend. Für mich ist ausschlaggebend, dass die Interpunktion, wenn sie fehlt oder an der falschen Stelle sitzt, einem Satz eine ganz andere Bedeutung verleihen kann, als es der Autor beabsichtigt hat.

1. Bedeutung                                         -          2. Bedeutung

Schüler sagen, Lehrer haben es gut.     -          Schüler, sagen Lehrer, haben es gut.

Er will, sie nicht.                                      -          Er will sie nicht.

Hans erbt den Hof, nicht aber Karl.        -          Hans erbt den Hof nicht, aber Karl.

Hängen, nicht laufen lassen!                  -          Hängen nicht, laufen lassen!

Sie riet ihm, nicht nachzugeben.            -          Sie riet, ihm nicht nachzugeben.

Komm, wir essen jetzt Oma!                 -          Komm, wir essen jetzt, Oma!

Und mal ganz ehrlich: Wären Sie im letzten Beispiel als Oma nicht auch hörbar begeistert über das zweite Komma im Satz?

 

Mein persönliches Fazit:

Im Zweifel kann ein fehlendes Komma über Leben und Tod entscheiden!

So weit das Ergebnis unserer Befragung, die für mich auf jeden Fall ein Ziel erfüllt hat: Sie hat mir wieder einmal deutlich vor Augen geführt, wie schön es ist, in einem Land zu leben, wo alle angstfrei ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen dürfen, egal, um welches Thema es sich handelt.

Das Ergebnis der Umfrage hat mir zudem erneut bestätigt, dass wir uns zwar manchmal vermeintlich nur zwischen dem Teufel und dem Beelzebub, also dem größeren und dem kleineren Übel, entscheiden können. Dass wir aber bei allem, was wir tun, immer eine Wahl haben.

Und welchen Weg habe ich für mich gewählt in Sachen Rechtschreibung im Internet? Nun.... wie es wohl auch nicht anders zu erwarten war, habe ich mich eindeutig für die konservative Schreibweise entschieden sowohl innerhalb und außerhalb des Internets.... auch nachdem ich mir die obigen Argumente einzeln auf der Zunge habe zergehen lassen....

Und Sie? Wie halten Sie es mit der Rechtschreibung im Internet?

Lassen Sie es mich wissen in einer mail oder bei Facebook – gern auch in einer persönlichen Nachricht!

 

Gelesen 2446 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 30 Juli 2015 22:33

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